Essay zu Sartres Ausspruch „Ich führte zwei Leben – beide waren verlogen“

Sartre: „Die Wörter“ –

Essay zu Sartres Satz: „Ich führte zwei Leben, beide waren verlogen“

 

Sigrun Mittl, 2014

 

„Ich führte zwei Leben, beide waren verlogen. In der Öffentlichkeit war ich ein Schwindler, nämlich der bekannte Enkel des berühmten Charles Schweitzer; war ich allein, so verstrickte ich mich in vorgestellte Konflikte. Ich korrigierte meinen falschen Ruhm durch ein falsches Inkognito. Mühelos gelang es mir, von der einen zur anderen Rolle zu wechseln“ (Die Wörter, S.77). In der Reaktion der Straßenkinder fand er seine Wahrheit gespiegelt: „Ich kam nicht darüber hinweg, durch sie entlarvt zu werden“, so schreibt er weiter, „nicht als ein Weltwunder, nicht als eine Medusa, sondern als ein Knirps, für den sich niemand interessiert“ (S. 77). Wir erahnen in diesen Sätzen schon sein ganzes inneres Drama. Zeit seines Lebens quälte ihn das Gefühl, nicht zu wissen, wer er war, wofür er auf der Welt war, wo sein Auftrag lag, er suchte vergebens nach seiner Existenzberechtigung (S. 50). Er selbst sah sich als Schwindler (S. 49), als unechtes Kind (S. 49).  Nachdem er sich jahrelang in die Geschichten aus Büchern hineingeträumt hat, begann er später die Leerheit seiner Träume zu entdecken (S. 80). Er versuchte sie mit Schreiben zu füllen, spürte aber bald, daß das der gleiche Schwindel ist. Alles nur Rollen, alles nur Schauspiel. In seinem Buch „Die Wörter“ gibt er seinen Kampf um Sinnfindung den Raum. In vielen Sätzen kommt sein ganzes Dilemma zum Vorschein: Er spürt seine Substanzlosigkeit tief im Innern, der er entrinnen möchte (S. 49), seine eigene Daseinsberechtigung verflüchtigt sich (S. 50), er hat keine Seele (S. 51), er fand in sich keine Wahrheit, an die er sich klammern konnte (S. 63). Er schwankte zeit seines Lebens zwischen dem sehnlichen Wunsch nach Größe, sichtbar in dem Satz: „Dieser kleine Sartre versteht sein Handwerk; Frankreich weiß nicht, was es verlöre, sollte er plötzlich sterben“ (S. 54) und dem absoluten Wissen darum, daß er überzählig, unwesentlich für die Welt war (S. 63). Er lotete beide Extreme Wunderkind und Scheusal aus und mußte erkennen, daß er in schauerlicher Weise natürlich war, wovon er sich nie erholt hat, wie er schreibt (S. 63). Ein äußerster Fall von Stolz und Elend.

Wie nähern wir uns nun der Beweisführung, daß er seine beiden Leben als verlogen ansah. Lassen Sie uns einen Versuch starten. Wir wollen nicht am Buchstaben hängen, sondern einen weiten Bogen spannen und dem Sinn seiner Behauptung in die Tiefe folgen.

Man könnte jetzt wie der Literaturkritiker Reich-Ranitzky angewidert die Hände in die Höhe werfen und „Grauenvoll, wie undankbar“ schreien ob der Verbitterung, die in Sartres Aufschrei „Ich führte zwei Leben, beide waren verlogen“ unzweifelhaft herauszuhören ist. Die Verbitterung gipfelt in der Anklage gegen seine Eltern, seinen Großvater, gegen sich selbst und in der schonungslosen Abrechnung mit einer verlogenen Gesellschaft, die er gnadenlos durchschaut und anprangert. Doch auf diese Weise würde man der Seelenqual, die aus jenem Satz quillt, nicht gerecht. So wollen wir doch versuchen, die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, unsererseits hinter die Fassade zu blicken und dabei die Abgründe seiner Seele zu beleuchten, sein Leben aus der Sicht der Bewußtseinsentwicklung des Menschen einzuordnen.

Es mag zuerst abstoßend erscheinen, wenn er anderen, aber auch sich selbst alle Masken herunterreißt, sich selbst dabei zerstückelt, aber spüren wir doch einmal hinein in die Verzweiflung, die ihn umtreibt und in diesem Satz zum Ausdruck kommt. Woher rührt diese Verzweiflung? Wir finden diese Verzweiflung bei allen Menschen, die an eine ganz bestimmte Grenze geraten, an die Decke eines Raumes stoßen, den sie durchschritten und satt haben, sich an einer Mauer blutig stoßen, die sie überwinden möchten, den Schlüssel zu einer bestimmten Tür suchen, aber nicht finden können.

Diese Gefühle von Verzweiflung, Verbitterung, sogar Gedanken an Selbstmord sind deutliche  Anzeichen einer existentiellen Krise, die in manchen Fällen ein Leben lang andauert. Die Frage nach dem Sinn des Lebens findet keine Antwort mehr, die Antworten, die bisher getragen haben, beruhigen nicht mehr, tragen nicht mehr, neue Antworten finden sich nicht, noch nicht, das ganze Leben wird zur Höllenqual. Man ist auf seiner Seelenreise an einem Punkt angekommen, der über Leben und Tod entscheiden kann. Ken Wilber beweist in seinem Buch „Eros, Kosmos, Logos“, daß er diese Qualen kennt, indem er schreibt: „ Indem die Schau-Logik alle dem inneren Auge gegebenen Möglichkeiten zusammenfaßt, kommt sie unweigerlich zu dem wenig erfreulichen Schluß, daß menschliches Leben nur ein kurzes Aufblitzen in der kosmischen Leere ist. So wunderbar im Augenblick auch alles sein mag, wir werden doch sterben: Das Grauen, wie Heidegger sagt, ist auf der existentiellen Stufe die authentische Reaktion, ein Grauen, das uns aus der Selbstvergessenheit in die Gegenwart unserer selbst zurückruft, das nicht nur meinen Körper oder meine Persona oder mein Ich oder meinen Geist erfaßt, sondern die Totalität meines In-der-Welt-Seins. Wenn ich mein Leben vorurteilslos sehe, dann sehe ich sein Ende und seinen Tod – und ich sehe, daß meine anderen Ichs, meine Personae, auf Illusion beruhen, weil ich das Bewußtsein meines einsamen Todes gemieden habe.“

„ Ich führte zwei Leben, beide waren verlogen“. Sartre kannte den Tod schon früh (S. 54), er traf sich schon als Kind jede Nacht mit ihm (S. 56). Er schreibt: „Ich war eine fade Körperlichkeit, die sich beständig im Zustand des Vergehens befand. Anders ausgedrückt: ich war verurteilt, und das Urteil konnte jeden Augenblick vollstreckt werden. Trotzdem wehrte ich mich aus Leibeskräften gegen den Tod; nicht etwa, weil mir meine Existenz teuer gewesen wäre, sondern im Gegenteil, weil mir an ihr nichts lag: je absurder ein Leben, umso weniger erträglich der Tod.“

Selbst schuld, werden manche sagen, hätte er nur die Existenz Gottes nicht geleugnet, so hätte er Halt und Sinn im Glauben finden können. Wenn es nur so einfach wäre. Sartre steht mit seiner Verzweiflung nicht allein. Wenn auch nur wenige Menschen an dieser Schwelle überhaupt standen und stehen, so sind es doch gerade jene, die uns leuchten können, in deren Qual wir unsere Qual wiederfinden, die uns Hoffnung machen und den Weg weisen. Ken Wilber ordnet diese Qualen innerhalb der Stufen der Entwicklung des menschlichen Bewußtseins ein und läßt Leo Tolstoi zu Wort kommen: „Meine Frage, die Frage, die mich im fünfzigsten Lebensjahr zu Selbstmordgedanken brachte, war die allereinfachste Frage, die in der Seele eines jeden Menschen ruht…: Was wird das Ergebnis sein von dem, was ich heute tue, was ich morgen tun werde – was wird das Ergebnis meines ganzen Lebens sein? Anders ausgedrückt wird die Frage so lauten: Wozu lebe ich? Wozu begehre ich? Wozu handle ich? Noch anders kann man die Frage so ausdrücken: Ist in meinem Leben ein Sinn, der nicht zunichte würde durch den unvermeidlichen, meiner harrenden Tod?“

Gemäß den Stufen des Bewußtseins finden wir diese existentielle Qual auf der existentiellen Stufe. Wilber schreibt hierzu: „Diese Frage könnte sich dem magischen Bewußtsein niemals stellen, denn es besitzt Sinn in Hülle und Fülle, weil die Welt sich stets um es dreht. Diese Frage könnte sich niemals dem Mythengläubigen stellen, denn seine Seele existiert für seinen Gott, und dieser Gott wird diese Seele ewiglich erretten, wenn sie nur ihren Glauben an ihn bekundet. Diese Frage könnte auch nie den fröhlichen Rationalisten bedrängen, der einst Rationalist wurde durch den Entschluß, nie wieder solche Fragen zu stellen. Nein, diese Frage bricht in einem Ich auf, das zuviel weiß, zuviel sieht, zuviel fühlt. Aller Trost ist dahin. Aus der Tiefe schreit dieses Ich auf zu nicht mehr vorhandenen Göttern, sucht nach einem Sinn, der sich noch nicht zeigt, der erst noch Gestalt annehmen muß. Sein einziger Trost ist ihm dieser unaufhörliche Schmerz – ein Schmerz, ein Grauen, ein Leersein, das über die Tröstungen und Ablenkungen des Körpers, der Persona, des Ich, der Rollen hinaustastet, das tapfer der Leere standhält. Das ist eine weit erwachte Seele, eine Seele an der Schwelle zum Transpersonalen.“ (Wilber: Eros, Kosmos, Logos).

In Sartres eigenen Worten klingt das sinngemäß so (S. 56, 57): Gott hätte mich aus der Klemme gezogen. Ich hätte einen Weltenschöpfer gebraucht, man gab mir einen Obersten Chef. Der Atheist (existentielle Stufe) ist ein Herr mit religiösen Überzeugungen. Der Gläubige hat keine religiösen Überzeugungen. Mein Großvater war religiös, dachte aber nur in kritischen Augenblicken an Gott, es war ein sehr bequemer Glaube. Hätte man mir die Sache anders dargestellt, ich wäre ein Mystiker geworden (S. 58). Ich lief Gefahr, eine Beute der Heiligkeit zu werden. Mein Großvater hat sie mir für immer verekelt. Ich erzähle die Geschichte einer mißglückten Berufung. Es hätte was zwischen uns werden können (S. 59).

Albert Camus hat in seinem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ diese Tür, die aus dem Gefühl der Verzweiflung über die Verlogenheit der Leben herausführt, diese Tür, die in die nächsthöhere, in die nächsttiefere Bewußtseinsebene führt, sehr genau verortet, nämlich in dem Moment der Stille, des Jetzt, nachdem der Fels, gerade mühsam nach oben gewuchtet, wieder hinuntergerollt ist und für einen Moment ruht. Wäre es Sartre gegeben gewesen, sich in der Auseinandersetzung mit östlicher oder westlicher Mystik zu dieser Tür, zu diesem Moment der Stille vorgearbeitet zu haben, hätte er diese Verzweiflung transformieren können, hätte er die innere Entwicklung nehmen können, hätte er Frieden finden können, wie es Hermann Hesse vom verzweifelten Steppenwolf zum inneren Frieden des Meisters im Glasperlenspiel eindrucksvoll gelungen ist. Auf diesem Weg durch die Trostlosigkeit können uns allein und auschließlich Mystiker und Mystikerinnen wie Meister Ekkhart, Teresa von Avila, Hildegard von Bingen oder Ramana Maharshi weiterhelfen. Sie haben vor diesem Abgrund gestanden, haben die Leere ausgehalten, haben losgelassen in die Leere hinein und haben Stille, Frieden und Eins-Sein in sich gefunden. Sie weisen allen den Weg, die auf diese existentielle Ebene gelangt sind und zum Sprung ansetzen, die Rollen aufzugeben, die Masken loszulassen, sich einer gewissen Verlogenheit zu stellen und sie neu einzuordnen, den Mut zu fassen, sich selbst neu einzuordnen in der Leere des Kosmos. Antworten finden wir auf dieser Stufe nicht mehr im Außen, sondern nur noch in der Tiefe unseres eigenen Seins.

 

Quellen:

Jean-Paul Sartre: Gesammelte Werke, Bd. 1, Die Wörter. Rororo. Autobiographie in 6 Bänden.

Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos – Eine Jahrtausend-Vision. Fischer. 5. Auflage 2011

Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos. Rowohlt-Taschenbuch, 2000

 

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