Buchrezension „Honigbienen Geheimnisvolle Waldbewohner“ von Ingo Arndt und Jürgen Tautz

Als Prof. Tautz mich kontaktierte, um mir zu erzählen, dass er zusammen mit dem Photografen Ingo Arndt ein Buch über wild lebende Honigbienen geschrieben hat und mich um eine Rezension bat, sagte ich sofort zu. Der herausragende Ruf der beiden würde dafür sorgen, dass die Vorbehalte und Ängste der Imkerschaft gegenüber wild lebenden Honigbienen erst einmal in den Hintergrund treten und einem demütigen Staunen und einer neuen Sicht auf unsere Honigbiene Platz machen und Raum geben würden.

Ich schlug das Buch auf, nachdem der Postbote es gebracht hatte und wollte es bei einer Tasse Kaffee in Ruhe durchlesen. Es kam aber anders. Unversehens betrat ich einen stillen Raum erfüllt mit Ehrfurcht vor diesem kleinen Insekt, das den Menschen schon seit Jahrtausenden so nah ist, warum auch immer. In diesem kleinen Insekt hat die Schöpfung schon so viele Wunder angelegt und umgesetzt, dass wir – wenn wir die Details dieses Wesens betrachten und uns auf seine Schönheit einlassen, was durch die einmaligen und tief berührenden Photos wunderbar gelingt – sogleich über diese Wunder der Schöpfung ins Philosophieren geraten oder auch in eigene innere Tiefen unseres Seins eintauchen können, wenn wir das denn zulassen mögen.

Honey Bee (Apis mellifera), beginning of colonizing a black woodpecker nest cavity / arriving at the nest entrance, view from inside, Germany. Copyright Ingo Arndt/Knesebeck Verlag

Dieses Buch ist kein reines Sachbuch, wenngleich es uns viele Fakten über die Honigbiene und ihr Leben im Wald liefert. Es ist auch ein Plädoyer für ein Innehalten, Nachsinnen und Überdenken der weit verbreiteten Art der Imkerei. Gerade wenn wir diese unglaublichen Photos ansehen, die uns wunderbare Einblicke ins freie Leben der Honigbienen vermitteln:

Wie ein Bienenschwarm geduldig wartet, die Königin tief im Innern gut geschützt, bis die Spurbienen sich für eine geeignete Baumhöhle entschieden haben und den ganzen Schwarm dorthin leiten. Ein Schwarzspecht hat diese kuschelig warme Wohnung gebaut und viele Tierarten versuchen sie als Nachmieter für sich zu ergattern, Hohltaube, Fledermaus, Dohle, Siebenschläfer, Baummarder oder eben unsere Honigbiene.

Honey Bees (Apis mellifera), natural beehive build in old black woodpecker (Dryocopus martius) nest, Germany. Copyright Ingo Arndt/Knesebeck Verlag

Wie der Schwarm die Höhle für sich erobert und mit den Schönheitsreparaturen beginnt, Wände glatt hobelt und sie mit einer Schicht aus Propolis, seiner ersten Waffe gegen mögliche Krankheitserreger überzieht.

Wie das freie Bienenvolk seinem Wesen entsprechen und dieses ausdrücken darf, wie es die Schöpfung vorgesehen hat, und sich an die Decke der Baumhöhle hängt, quasi dort in Meditation versunken sein mag.

Wie aus dem Nichts nach ein paar Tagen plötzlich ein strahlend weißes Gebilde erscheint; das Bienenvolk gebiert ein Wabenwerk aus seinem Innern, das als Wiege für die nächste Generation dient.

Honey Bee (Apis mellifera), colonizing a black woodpecker nest cavity, big honeycombs visible after four weeks / insight view of the cavity / Germany. Copyright Ingo Arndt/Knesebeck Verlag

Wie zum Beispiel eine kleine Honigbiene schlüpft und auf ihrem Kopf noch ein Rest des Häutchens zu sehen ist, das mich sofort an die Glückshaube eines Menschenkindes erinnert hat.

Ich könnte endlos schwärmen. Wenn da nicht die bittere Wahrheit wäre, vor der wir die Augen nicht verschließen dürfen. Tierethik ist leider noch nicht weit verbreitet in unserer Gesellschaft, von Menschenethik ganz zu schweigen. Der Mensch hat noch einen langen Weg vor sich zum menschlichen Menschen, der mit allen Wesen und sich selbst achtsam und liebevoll umgeht. Und das ist die Hoffnung, die ich mit diesem wirklich sehr empfehlenswerten Buch von Ingo Arndt und Jürgen Tautz verbinde. Dass wir erkennen, welches wunderbare Insekt wir da aus dem Wald zu uns geholt haben. Dass wir erkennen, dass diese Honigbienen – wenn sie schon als Nutztier von uns gehalten werden – eine wirklich artgerechte Haltung verdienen. Und mit wirklich artgerecht meine ich nicht die Imkerei, wie sie heute betrieben wird.

Frisches Wabenwerk eines Honigbienenvolkes in einer Zeidelhöhle. Mittl 2017

Und wenn dann die Imker*innen diesen anderen Blick auf die Honigbienen genossen haben, machen sie sich vielleicht auf den Weg und informieren sich weiter, gerne auch auf dieser Seite Bienen-Dialoge.de. Sehen den Wald mit anderen Augen, suchen Baumhöhlen und fordern eine schöpfungsnahe Waldnutzung. Finden wild lebende Honigbienen und sehen sie nicht als Seuchenschleuder, die sie nicht sind, sondern als vergessenen Mosaikstein des Ökosystems Wald und als Vorbild für gesunde Honigbienen-Haltung. Oder wie ich seit 2016 schreibe, als varroaresistente gesunde Honigbienen, von denen wir welche zu uns holen dürfen, wenn unsere Imkerbienen vor Schwäche den Löffel abgeben. Wir lesen vielleicht, dass wir unsere einheimische Honigbiene, die Dunkle Biene Apis mellifera mellifera, selbst ausgerottet haben und gehen in Zukunft achtsamer mit den Tieren und Pflanzen unserer einmalig schönen Erde um, vor allem auch mit den Schwestern der Honigbienen, den Wildbienen, die wie alle Arten vor unseren Augen auszusterben drohen.

Es ist ein richtiges Buch und es ist ein tolles Buch und ich wünsche mir, dass es viele Menschen berührt und sie öffnet für einen völlig neuen und achtsamen Blick auf alle Wesen dieser Erde.

Sigrun Mittl, Dipl.-Biol., Februar 2020