Varroa und Viren

Wertschätzung und Respekt, Grundlage für Gesundheit und Immunsystem – darum dreht sich alles, nicht nur bei uns Menschen

 

„Wie behandelst Du denn Deine Bienen?“, fragt ein Imker und zielt auf die Varroa-Behandlung ab. Die Antwort kam promt und war für alle überraschend: „Mit Respekt“. (Credits to Clemens)

Ich möchte hier keine trockene Abhandlung über Gesundheit und Immunsystem schreiben. Ich denke nach über die psychische und körperliche Gesundheit von uns Menschen und übertrage dies auf unsere Bienen. Je mehr wir respektiert und wertgeschätzt werden für unser Sein, desto besser geht es uns. Wieso sollte das bei den Bienen anders sein? Je achtsamer wir mit uns selbst umgehen, je achtsamer wir miteinander umgehen, desto stärker werden wir, das Leben zu meistern und uns psychische und physische Gesundheit sowie Lebendigkeit zu erhalten oder wiederzuerlangen. Wir haben gelernt, dass das unhinterfragte Schlucken von Antibiotika bei Erkältungen uns die multiresistenten Keime eingebracht hat. Und leider mussten wir erfahren, dass das gieskannen-mäßige Behandeln der Bienen gegen die Varroa dazu geführt hat, dass wir heute nicht nur ein Mal im Jahr behandeln müssen, sondern meist schon mehrere Male.

Die Varroa- bzw. Virenbehandlung der Bienenvölker führte in die Sackgasse

Daher stellt sich die Frage, wie wir die Gesundheit und das ramponierte Immunsystem der Bienen stärken und wieder aufbauen können. Das gieskannen-mäßige Behandeln der Bienen mit Ameisen- und Oxalsäure hat uns nicht wirklich weitergebracht. Resistenzen nehmen zu. Den Fokus auf den Honigertrag zu legen, hat uns ebenfalls in diese Situation gebracht, in der wir und unsere Bienen jetzt stecken. Auf die Auswirkungen von Pestizideinsatz und Ausräumung des lebendigen Seins in der Landschaft etc. brauche ich hier nicht mehr eingehen.

Bienenvölker überleben ohne den Imker viel besser!

Hoffnung geben uns die Berichte von Bienenvölkern, die ohne Behandlung mit Varroa-Mitteln überleben. Woran liegt das? Ich finde die Erkenntnisse sehr aufschlussreich, wonach Bienenvölker, die nicht mehr betreut wurden oder die wild in Bäumen leben, 6-7 Jahre ohne jede Behandlung überleben; neueste Beobachtungen sprechen sogar von einzelnen Völkern, die 15 oder sogar 18 Jahre ohne jede Behandlung überleben (Yves Ie Conte, Avignon; Gotland; Wales; Brasilien; T.D. Seeley, Arnot Forest, Nordamerika; etc.). Das heißt nicht, dass das für jedes einzelne Volk gilt. Aber die Population der Bienenvölker unterliegt wieder dem natürlichen Spiel der Selektion und erhält sich als Ganzes innerhalb eines Standortes.

Auf die Varroa-Toleranz der Primorski-Biene möchte ich kurz näher eingehen. Ich beziehe mich auf eine Veröffentlichung des Biologen H.J. Flügel (LEBBIMUK, Abhandl. Ber. Lebend. Bienenmuseum Knüllwald 8 – 2011):

„…. jedoch handelte es sich bei diesen Bienen um Nachkommen von Bienenvölkern, die von Ukrainern Ende des 19. Jahrhunderts in die Primorski-Region an der Russischen Pazifikküste mitgebracht worden waren. Bei diesen Bienenvölkern handelte es sich bereits um ein Gemisch verschiedener Bienen-Unterarten, wobei der Anteil der Krainer Biene überwog. In dem ostsibirischen Gebiet lebte bereits die Östliche Honigbiene Apis cerana, die – von Süden aus Korea kommend – in Ostsibirien ihre nördlichste Verbreitung erreicht. Das führte dazu, dass die Westliche Honigbiene hier erstmals mit der Varroamilbe in Kontakt kam und seither ohne Behandlungsmittel schon über hundert Jahre mit der Milbe lebt. Entdeckt wurde dieser Bestand an Westlichen Honigbienen 1993 von Thomas Rinderer, einem US-amerikanischen Bienenforscher. Durch ihn kamen die ersten Primorski-Versuchsvölker 2000 aus den USA an verschiedene Bieneninstitute in Kanada, Deutschland und Luxemburg, um dort ihre Varroa-Toleranz zu testen (Rinderer et al. 2001).“

Wege aus der Sackgasse

Viele empfinden diese neuen Forschungsergebnisse als demütigend, lieben sie doch auch ihre Bienen und geben ihr Bestes. Es schmerzt zu erleben, dass trotz bester Betreuung die Bienen weiter sterben. Abwehr und Hass auf die, die neue Wege suchen, führen nicht weiter.

Uns allen liegen die Bienen am Herzen, wir alle suchen Wege aus der Sackgasse. Nachdenken ist wichtig und Neues zulassen sind Voraussetzungen dafür, dass wir uns nicht in Debatten erschöpfen, sondern, die Gesundheit unserer Bienen im Blick habend, miteinander im Austausch neue Wege ausprobieren.

Mein Vorschlag: Einrichtung von Schutzgebieten für Honigbienen

Ich persönlich schwanke stets zwischen Nicht-Behandeln und Behandeln und wenn ja, dann Wie behandeln, hin und her. Ich empfinde es als eine ständige Gratwanderung. Wenn wir jetzt alle aufhörten, die Bienen gegen Varroa zu behandeln, könnte vorübergehend die Bestäubungsleistung unserer Honigbienen dramatisch zurückgehen. Davor fürchten sich alle, und zwar zu Recht! Die Augen aber daher vor dem Problem zu verschließen, macht die Sache nicht besser. Daher schlage ich vor, zeitgleich und parallel zur „normalen“ Imkerei Schutzgebiete in Deutschland einzurichten, in denen wir Bienenvölker ansiedeln, uns bewußt raushalten und der Natur freien Lauf lassen, damit sich dort Bienen-Populationen herausbilden können, die einen Weg gefunden haben werden, mit Varroa und den Viren gut umzugehen. Dass das klappt, beweisen die Erfahrungen und Untersuchungen, die ich weiter oben kurz angeführt habe.

Diese Bienen-Völker werden unser Gen-Schatz, vielleicht – wenn das Sterben so weiter geht – sogar unsere Rettung bezüglich der Bestäubungsleistung in der Landwirtschaft.

Europaweit wurde den Bienenforscherinnen und Forschern bewußt, dass gerade die nicht mehr behandelten Völker, die sich an die Varroa angepasst haben bzw. deshalb überlebt haben, weil die vorhandenen Viren avirulent sind, für das Varroa-Management in Zukunft eine zentrale Rolle spielen werden.

BienenDialogeButtonklein Ein Biochemiker aus England, Dr. David Heaf, hat sich vom „Varroa-Behandler“ zum konsequenten „Nicht-Behandler“ gewandelt und hat nach einer Umstellzeit keine höheren Verluste als seine Nachbar-Imker, die weiterhin behandeln. Hier ein kurzes Interview mit Dr. David Heaf (auf Englisch) und zwei weitere Filme „Wildlebende Honigbienen in Europa“ und „Gesunde nicht behandelte Honigbienen-Völker in Imkerhand“:

Varroa – Dr.David Heaf on Treatment-Free Beekeeping

Wildlebende Bienenvölker in Europa – Eine Fahrradtour mit Thomas Gfeller

Has Varroa lost its sting? von Thomas Gfeller

Für weiterführende Informationen zu obigen Filmen empfehle ich wärmstens:

https://beemonitor.org/

 

Mir hat eine Tabelle, die ich auf Freethebees.ch gefunden habe, aus meiner inneren Not herausgeholfen. Es geht nicht darum, dass jetzt alle nicht mehr behandeln, sondern dass wir je nach innerer Einstellung verschiedene Imkermethoden anwenden. So können wir einheimischen Honig ernten, was wir ja alle wollen, und gleichzeitig für eine nachhaltige Gesundung unserer Bienen sorgen, was wir ja auch alle wollen. Alle Imkerei-Methoden sind wichtig und sollen gleichwertig nebeneinander stehen können.

Hier also die Tabelle, die mir André Wermelinger dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat:

 Neue Bezeichnungen zur Einordnung von Imkermethoden

 Weitere Anregungen zur Stärkung der Bienen-Gesundheit

  • Kleinere Beuten (40 Liter)
  • Bienen schwärmen lassen
  • Totale Brutentnahme bei hoher Varroa- bzw. Virenbelastung im Sommer
  • Wenn Behandlung, dann nur nach dem Motto: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Das heißt Varroa zählen, zählen, zählen, Monat für Monat!
  • Keine Reihenaufstellung der Beuten, sondern Aufstellung im Block
  • Honigfütterung
  • Respekt für das Bienenvolk als Ganzes: nicht ständig deren Wohnzimmer umbauen, ständig stören, es wie ein Ersatzteillager betrachten

BienenDialogeButtonklein Ich möchte auf einen sehr interessanten Vortrag von Dr. Ritter zu diesem Thema im Rahmen der Bienenkonferenz in Wien hinweisen:

Vortrag von Dr. Ritter – Bienenkonferenz