# me too

# mee too

Ich war 10 Jahre alt. Es waren Fremde. Leider ist das Klima so vergiftet, dass es klarer formuliert werden muss: Es waren zwei mir fremde Deutsche.

Es war grauenvoll. Es verfolgt mich noch heute.

Niemand hat hingesehen. Niemand hat mir geholfen. Niemand hat jahrzehntelange die Signale und Symptome gesehen. Dass ich noch lebe, grenzt an ein Wunder. 2011 habe ich zum x-ten Male um mein Leben gekämpft und eine Lösung gesucht. Ich fand das Wort „Trauma“ – zum ersten Mal wusste ich, jetzt weiß ich, was mit mir ist. Ich habe mir selbst die Diagnose gestellt und Schritte eingeleitet: Ambulante Traumatherapie, stationäre Traumatherapie.

Daher eine dringende Bitte an alle Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten:

Studieren Sie die Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung, damit Sie diese erkennen, wenn ein Mensch vor Ihnen sitzt und Ihre Hilfe benötigt. Nur wenn Sie die richtige Diagnose stellen, können Sie uns wirklich helfen.

 

Wie lange möchten wir als Menschen, als Gesellschaft noch zulassen, dass in so vielen Bereichen unseres Lebens Menschenverachtendes geschieht, wir das zulassen und häufig selbst dabei mittun. Wie lange laufen wir noch mit. Wie lange schauen wir noch weg – und verschweigen vor uns selbst den Hass und die Verachtung, die in uns liegen und die irgendwohin müssen. Dahin gehen sie:

Wir vergiften unsere Umwelt, wir vergiften uns Menschen, wir vergiften unsere Tiere, wir beuten uns Menschen, unsere Natur und unsere Nutztiere ohne Gnade aus.

Wir demütigen unsere Kinder, wir demütigen als Erwachsene andere Erwachsene, wir demütigen unsere Eltern, daheim, in Kindergärten, in den Schulen, in Behörden und Unternehmen, in den Altenheimen und Krankenhäusern – verraten unsere Menschlichkeit an das Bruttoinlandsprodukt – verraten unsere Menschlichkeit, weil unsere Eltern uns verraten haben, so wie deren Eltern sie verraten haben. Die Kriege des letzten Jahrhunderts führen wir unvermindert weiter, nur mit anderen Mitteln.

 

FRIEDEN

Aus den tosenden Strudeln hinein

in den ruhigen Fluß.

Aus Blitz, Donner, Hagel hinein

in den beruhigend fallenden Regen.

Aus dem Wasserfall – kein Oben, kein Unten – hinein

in den tiefen Quelltopf, türkis, klar, kühl, ruhig,

friedlich.

Gefürchtet sind die Stürme des Lebens, die die Form wieder

auflösen,

die die Klarheit, die keine wa(h)r, trüben,

die Dich aus der Erstarrung, der Scheinzufriedenheit,

in der Du Dich eingerichtet hast,

– trübe unzufrieden zwar, aber endlich geordnet – ,

herausreißen, an ihr zerren, Dich zwingen, von ihr zu

lassen.

Auch wenn Du Dich wehrst, Dein Selbst treibt Dich weiter.

Nach dem Orkan, dem tosenden Unwetter, dem reinigenden

Chaos

bricht die Sonne hervor, die schon verloren schien,

sie löst den Haß auf, sie läßt die Furcht schmelzen,

erwärmt den zerstückelten Körper,

umgibt ihn mit Liebe und Zärtlichkeit.

Du wachst auf, siehst Dich zerstört, begreifst die Chance,

die Dir geschenkt wurde.

Die Harmonie, das Gezwitscher der Vögel, das Plätschern des

Baches, der tiefe Frieden um Dich

geben Dir den Mut, Dich erneut zu sammeln, zum x-ten Male,

Dich nochmals dranzumachen, Dich neu zusammenzusetzen,

geleitet von der Kraft der Göttin, die in Dir ist und aus

Dir strömt, Dir zu Ehren,

Dir die Chance gibt zu werden, die Du bist,

die Du wirklich bist – ein Mädchen der Göttin, eine Frau der Göttin,

geboren, um Dich dem Leben zu schenken,

geboren, Dich und die Anderen zu erfreuen, zu wärmen, zu

schützen, mit Deinem Lachen und mit Deinem Weinen zu

beglücken,

geboren, um die Schöpfung weiterzuführen, sie um Dich zu

bereichern,

geboren, um zu sein und

Mensch zu werden.

Sigrun Mittl, 1997